Wandern zwischen 2000 und 3000 Metern

Kühtai - ein Wort wie Kuhglockenklang! Tatsächlich begegnen dem Bergwanderer hier in einigen Hochtälern mehr Schafe als Menschen, und im Bereich der Passhöhen und der umliegenden Steilwiesen sind auch bildschöne blonde Haflinger und junge geländegängige Rassekühe in allen farblichen Nuancen zu sehen. Almwirtschaft und Weidebetrieb haben, auf über 2000 Meter, eine altehrwürdige Tradition. Dies klingt schon im romanischen Wortteil "tai" an - eine Silbe, die in anderen Regionen der westlichen Zentralalpen auch "taja" "tschai" oder "Teggia" heißt, sich direkt vom lateinischen "Tectum" (Dach) ableitet und soviel wie Haus oder Hütte bedeutet.

Die einst in jedem Weidegrund selbstverständlichen, aus Urgestein grob gefügten Almhütten sind allerdings vielfach nur noch Ruinen, die Almwirtschaft beschränkt sich heute auf den Weidebetrieb des Galtviehs, wie die Jungkühe genannt werden und der Schafherden, die im Hochsommer auf weit über 2500 Meter emporwandern. Auf der Passhöhe hat sich das Leben in den letzten Jahrzehnten ins Gegenteil verkehrt. Im Winter sind früher die "Kasermandl" und andere Kobolde in die gespenstisch leeren Almkaser eingezogen, die einzig realen Lebewesen in den archaischen Behausungen waren allenfalls Marder und Murmeltiere.

Heute herrscht im winterlichen Kühtai quirlige Hochsaison mit einem überschaubaren Skizirkus. Der Sommer hingegen ist ruhiger - er bietet Bergwanderern, die auf Discorummel verzichten können, das richtige Milieu. Hier ist man im Sommer meist allein mit sich, seinem Rucksack und einigen wenigen Gleichgesinnten, denen man hauptsächlich am Wochenende begegnen wird. An Trinkwasser mangelt es auf den Kühtai-Wanderungen nicht. Die Region westlich der Passhöhe ist heute allerdings auch ein Modell für Stromerzeugung aus Wasserkraft, also zu einen kleinen Teil eine technologische Landschaft.

Die Anstiege zu Gaißkogel, Pockkogel, Kraspesspitze, Schartenkogel und Sulzkogel beginnen in spärlicher Vegetation und führen durch teilweise gewaltige Blockhalden und Kare - für Spätaufsteher ist eine Anmarscherleichterung mit dem Sessellift gegeben. Der gewaltige Speichersee Finstertal ist stets im Blickfeld. Ähnliches gilt für den Pirchkogel, den einzigen wanderbaren Gipfel der Nordseite. Längental, Mittertal und Wörgetal sind vergleichsweise weltfern und an manchen Tagen bedrückend einsam. Im Mittertal und vor allem im Wörgetal steigt man aus der Lärchen- und Zirbenregion an, die uralten bemoosten Baumveteranen empfindet man hier auf ihren naturgegebenen Standorten geradezu als Inbegriff einer heilen Welt.

Eine schöne Spätsommerwoche erlebt man in dieser Gebirgslandschaft wie einen stillen Rausch weltferner Einsamkeit inmitten plätschernder Wildbäche, verborgener Bergseen und riesiger Blockhalden - zwischen den Hochtälern kilometerlange, wilde unzugängliche Grate, auf den gangbaren Gipfeln jedoch tadellose Markierungen und eine Fernsicht, die 400 Gipfel umfasst.